1. Juni 2022

Liberté, diversité, perversité! (oder Kinkstropher Street Day)

Von tomate

Was feiern wir eigentlich?

Der CSD (oder Pride) ist mehr als nur eine Demo für unserer Rechte (oder eine Parade, um uns zu zeigen): Wir feiern unserer Existenz. Und wir feiern diejenigen, die vor uns für unserer Rechte gekämpft haben. Die in den KZs eingesperrt und ermordet wurden. Die auf offener Straße von Cops verprügelt wurden. Die ins Gefängnis gegangen sind. Die „gegen die guten Sitten“ verstießen, weil sie offen ihre Identität ausgelebt haben und dafür vom Staat bestraft und von der Bevölkerung gehasst wurden. Wir feiner diejenigen, die von uns gegangen sind und wir feiern diejenigen, die noch da sind, die das alles überlebt haben. Wir gedenken auch – wir gedenken der Opfer von Gewalt und Mord. Wir gedenken den AIDS-Opfern. Wir gedenken denjenigen, die ihnen zur Seite standen, als sie starben. Wir feiern und gedenken queerer Existenz – unserer eigenen, von denen, die vor uns kamen und derjenigen die nach uns kommen und es hoffentlich ein wenig besser haben werden. Der CSD ist einer der wenigen Augenblicke, an denen wir uns ein Stück Straße holen und uns selbst feiern – ohne uns der Heternormativität zu beugen.

Denkt hier auch mal irgendjemand an die Kinder?

Seit ein paar Jahren gehört es zum guten Ton von einigen queeren Menschen und sogar CSD-Veranstaltenden, darauf hinzuweisen1So z.B. 2021 der CSD Bremen – im Zuge der Debatte durfte ich den Artikel „Sicherer als Blümchensex“ in der taz schreiben, dass Fetisch doch arg sexualisiert ist und dass das definitiv nicht hilft, unser Anliegen (das nicht weniger ist, als einfach zu existieren) weiter zu bringen. Außerdem ist es doch hoch problematisch, wenn Kinder, die mit ihren Eltern dort sind und vom Straßenrand zusehen, erwachsene Männer in Fetisch-Outfits sehen. Die Antwort darauf ist sehr einfach: Dann müssen die Eltern halt für ihr Kind passend erklären, wenn sie ihre Kinder mit dort hin nehmen und diese Fragen stellen. Die Kinder existieren dort vor Ort ja nicht im luftleeren Raum. Bevor jetzt Beschwerden kommen, dass dann ja aber auch z.B. Regenbogenfamilien nicht am CSD mit laufen könnten: Mir ist kein CSD bekannt, wo die Regenbogenfamilien mit Kindern direkt vor oder hinter Fetischgruppen positioniert worden wären.

Übrigens ist es gar kein Problem, wenn irgendwo Heteropärchen auf dem Weg zum Club Harnesse tragen und von Kindern gesehen werden – es ist immer nur ein Problem, wenn queere (speziell) Männer das machen. Dann kommen auch sofort die Vorwürfe des Groomings2Aus der Wikipedia: Als Grooming (zu Deutsch sinngemäß „Anbahnung“) wird die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener mit Minderjährigen in Missbrauchsabsicht bezeichnet, indem stufenweise ihr Vertrauen erschlichen wird.. Wo diese Vorwürfe herkommen und was es damit auf sich hat, wird im Folgenden erklärt (und das Thema von der Einleitung wieder aufgegriffen).

Operation Pridefall

Die Welt ist voller Menschen, die LGBTQI hassen, das ist nicht neu. Dass das Netz Orte hat, an denen sich wiederum diese Menschen sammeln, ist auch nicht neu. Das geschieht gerne auf Imageboards wie 4chan und mittlerweile auch viel auf verschiedenen Diskordservern. Dort haben sich diese Menschen etwas ausgedacht: Operation Pridefall. Die Idee: Mit einer Trollarmee gegen LGBTQI schießen, mit allem was geht. Kommentare unter Artikeln, auf YouTube, Tweets, Instagram, TikTok und dabei jedes Vorurteil bedienen, das es gibt3Mehr über Operation Pridefall auf englisch bei Vice.

Ein weniger perfider sind noch diejenigen, die sich als queer ausgeben und „nur ein wenig über die degenerierten Mitqueers“ sprechen wollen. Sie weisen auf „Missstände“ hin, zum Beispiel zirkuliert dabei immer wieder ein Video, dass erwachsene Männer beim Sex zeigen und sie sagen, dass es bei einer Pride-Parade statt fand. Das ist technisch richtig, dabei wird ein Detail gerne unterschlagen: das Video wurde auf der Folsom Street Fair aufgenommen, einer Veranstaltung der Leather Pride Week, die abgeriegelt ist, mit Alterskontrollen arbeitet und keine Minderjährigen erlaubt. Man kann nur böse Absicht unterstellen, dass die Leather Pride Week und die um mehrere Monate zeitlich versetzten CSDs/Prides in den gleichen Topf geworfen werden. Beide haben verschiedenen Ursprünge und existieren aus verschiedenen Gründen.

Ursprung des Pride Months

1970, Christopher Street Liberation Day March organisiert von unter anderem Brenda Howard. Sie setzten die Tradition der 4. Juli East Coast Homophile Organization’s Marches fort, die 1965 in Philadelphia begannen, und schufen damit den Beginn des Pride Month.

Pride Marches waren nie eine familienfreundliche Veranstaltung. Brenda Howard ist ein prototypisches Beispiel für diejenigen, die die ersten Prides organisierten: jüdisch, behindert, Sexarbeiterin, Kinksterin. Von ihr stammt „Bi, Poly, Switch – ich bin nicht gierig, ich weiß, was ich will.“4Englisch: „Bi, Poly, Switch – I’m not greedy, I know what I want.“ Pride wurde von Knistern, Fetischist*innen, gender non-confoming, queeren Menschen und nicht von desinfizierten schwulen Männern gegründet, die durchaus sehr schnell versuchten, diese Veranstaltung unter ihre Fittiche zu nehmen. 1973 wurden Stonewall-Aktivist*innen von genau diesen Menschen ausgebuht. Von dieser Demo stammt Sylvia Riveras „Y’all Better Quiet Down„-Rede (leider lässt sich das Video nicht einbetten)

Beim Pride waren IMMER Leder und IMMER Kinkster dabei. Sie sind Teil unserer queeren Geschichte!

Nebenschauplatz: Die Kommerzialisierung

Unserer CSDs sind groß geworden. Sie sind nach wie vor laut. Und sie leben von Sponsoren. Sponsoren hassen eines: „Unangemessenes Umfeld“. Klar, es ist wirklich schwer für PayPal oder die Deutsche Bank, auf dem CSD einen Wagen zu bezahlen wenn gleichzeitig nebenher genau diejenigen laufen, deren Konten (warum auch immer, das ist eine andere Debatte) dicht gemacht werden, weil sie Sexarbeit anbieten. Was soll der cis hetero Kunde sagen, wenn er sieht, dass seine Bank die ganzen Perversen unterstützt? Es geht PayPal oder der Deutschen Bank nicht darum die queere Community zu unterstützen, es geht ihnen darum, queere Menschen als Kund*innen zu gewinnen und auch ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. CSD/Pride-Veranstaltende versuchen sehr oft, für diese Sponsoren ein „sicheres Umfeld“ zu erschaffen.

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    So z.B. 2021 der CSD Bremen – im Zuge der Debatte durfte ich den Artikel „Sicherer als Blümchensex“ in der taz schreiben
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    Aus der Wikipedia: Als Grooming (zu Deutsch sinngemäß „Anbahnung“) wird die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener mit Minderjährigen in Missbrauchsabsicht bezeichnet, indem stufenweise ihr Vertrauen erschlichen wird.
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    Mehr über Operation Pridefall auf englisch bei Vice
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    Englisch: „Bi, Poly, Switch – I’m not greedy, I know what I want.“

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