22. Juli 2025

Inkom­pe­tenz trig­gert Notfallmodus

Von tomate
Lese­dau­er 2 Minu­ten

Wie vor­her­seh­bar: Der CEO von Replit ent­deckt plötz­lich die Not­wen­dig­keit, Ent­wick­lungs- und Pro­duk­ti­ons­um­ge­bun­gen zu tren­nen. Natür­lich erst, NACH­DEM der Scha­den ein­ge­tre­ten ist. Was genau pas­siert war, habe ich bereits in mei­nem gest­ri­gen Post auf­ge­schrie­ben: Vibe Coding als sys­te­ma­ti­sches Ver­sa­gen pro­fes­sio­nel­ler Stan­dards.

Amjad Masad, CEO von Replit, ver­sucht sich in Scha­dens­be­gren­zung: „Working around the weekend, we star­ted rol­ling out auto­ma­tic DB dev/prod sepa­ra­ti­on to pre­vent this cate­go­ri­cal­ly“. Grund­la­gen rüs­ten wir am Wochen­en­de nach. Da passt der Vibe am beten, nach­dem die Kata­stro­phe öffent­lich wur­de. Das Unter­neh­men betreibt nach eige­nen Anga­ben ein Geschäft mehr als 100 Mil­lio­nen USD Umsatz pro Jahr, Da kann man schon durch­aus auf Sachen, die nicht ordent­lich viben, ver­zich­ten. Ent­wick­lungs­stan­dards ein­hal­ten zum Bei­spiel. Ich nehm übri­gens ein­ma­lig 500 EUR um dei­ne Pro­duk­ti­ons­da­ten­bank zu löschen. Ein Schnäppchen!

Die Vibe-Coding-Evan­ge­lis­ten fei­ner die­se von Ven­ture Capi­tal geform­te Inkom­pe­tenz als „mas­ter­class in cri­sis manage­ment“. „Fan­ta­stic respon­se, owned the issue and then set out a clear plan to make sure it did­n’t hap­pen again, kudos!“ schwärmt der Lei­ter der Java at Micro­soft Abtei­lung. Ja, gut Micro­softs Füh­rungs­ebe­ne ver­sucht momen­tan­stän­dig irgend­wo ihr KI-Zeuch unter zu bekom­men. Ein ande­rer ist „glad to see the data­ba­se dev/prod auto sepa­ra­ti­on“ – als wäre dies eine inno­va­ti­ve Neue­rung statt eines seit Jahr­zehn­ten eta­blier­ten Min­dest­stan­dards. Aber gut, ist ja auch „AI und Tech Edu­ca­tor“. Der muss es wis­se! Ganz toll fin­de ich: „This is a mas­ter­class in how to hand­le a cri­sis – the CEO steps up, takes imme­dia­te owner­ship of the issue, does­n’t try to deflect in any way, and offers a solu­ti­on. Authen­ti­ci­ty and respon­si­ve­ness tur­ning a loss into a win.“

Es geht näm­lich gar nicht dar­um, dass das Pro­dukt nie hät­te für pro­duk­ti­ve Appli­ka­tio­nen hät­te ver­mark­tet wer­den dür­fen. Sol­che Posts zei­gen mir eine sys­te­ma­ti­sche Unfä­hig­keit, zwi­schen PR-Manage­ment und tat­säch­li­cher Kom­pe­tenz zu unter­schei­den. Was hier als „proac­ti­ve“ gefei­ert wird, ist reak­ti­ve Scha­dens­be­gren­zung nach einem ver­meid­ba­ren Ver­sa­gen. Die Tat­sa­che, dass ele­men­ta­re Funk­tio­nen has­tig am Wochen­en­de geklöp­pelt wer­den müs­sen, wird als Zei­chen von Füh­rungs­stär­ke interpretiert.

Die struk­tu­rel­le Dimen­si­on des Pro­blems wird über­se­hen: Replit ver­mark­tet sich gezielt an Per­so­nen ohne tech­ni­sche Kom­pe­tenz. Das Unter­neh­men bewirbt sei­ne Tools mit Bei­spie­len wie einem „ope­ra­ti­ons mana­ger with 0 coding skills“ der Soft­ware erstellt. Die­se Ziel­grup­pe kann die Risi­ken nicht ein­schät­zen, die sie ein­geht. Das ist Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. Die will hier aber nie­mand ownen.


Titel­bild: Screen­shot replit​.com