4. Juni 2026

Com­pu­ta, make them gay and horny

Von tomate
Lese­dau­er 8 Minu­ten

Auf Tik­Tok steht es oft schon in den Kom­men­ta­ren, bevor man wei­ter­ge­scrollt hat. Zwei Män­ner in einem Video, mehr braucht es nicht. Sie müs­sen sich nicht ken­nen, müs­sen nicht kon­ven­tio­nell attrak­tiv sein, müs­sen nichts Beson­de­res tun. Sie müs­sen nur gleich­zei­tig im Bild sein und männ­lich. Das reicht. Der Kom­men­tar lau­tet: Com­pu­ta. Ein Wort, das nichts erklärt und ganz viel meint. Juli­us Mond­ra­gon aus Chi­ca­go geht seit Janu­ar 2026 mit einer Ray-Ban-Kame­rabril­le durch die Stadt und gibt sei­nem ima­gi­nä­ren Com­pu­ter Befeh­le – „Com­pu­ta, make this man gay“, „Com­pu­ta, make the­se guys super gay and hor­ny“ und filmt die Reak­tio­nen. Ein Stra­ßen­prank, vie­le Mil­lio­nen Views. Und dann haben hete­ro Frau­en die­se Vide­os gefun­den. Seit­dem steht „Com­pu­ta“ unter jedem Video mit zwei Män­nern. Egal ob es zwei Freun­de, zwei Kol­le­gen oder zwei Seri­en­fi­gu­ren sind. Am Ende sind es rea­le Men­schen, die ein­fach nur im glei­chen Bild sind. Mehr Vor­aus­set­zung gibt es nicht.

Ein jun­ger Typ auf Tik­Tok (das ich lei­der nicht mehr fin­de) hat dazu ein Video gemacht mit dem Titel „Hea­ted Rival­ry and Com­putah (sic!), make the­se guys has alte­red the inter­net fore­ver.“ Er hat nicht ganz unrecht, dass sich gera­de etwas ver­scho­ben hat. Er hat nur kei­ne Ahnung, dass jetzt nur an die Ober­flä­che schwappt, was schon lan­ge da vor­her da war.

Nach mei­nem Outing in der Schu­le ent­deck­te eine Klas­sen­ka­me­ra­din plötz­lich ihr Inter­es­se an mir als Per­son. Sie woll­te shop­pen gehen und über Jungs reden. Ich hör­te Metal, Gothic und Punk, hat­te komi­sche Hob­bies und war in Habi­tus und Optik so ziem­lich das Gegen­teil von dem, was sie sich unter ihrem Gay Best Fri­end vor­ge­stellt hat­te. Sie hat es trotz­dem ver­sucht (the auda­ci­ty!) Ich wei­ger­te mich, das Spiel­chen mit­zu­ma­chen und das Inter­es­se erlosch ent­spre­chend schnell. Was blieb, war die Fra­ge, die mich seit­dem nicht los­ge­las­sen hat: Was ist eigent­lich schwu­ler als als Mann mit einem Mann Sex zu haben? Die Ant­wort, die die­ses Mus­ter impli­ziert: offen­bar sehr vie­les. Wer das Ste­reo­typ nicht bedient, wer kein Stan­ford Blatch sein will, nicht sas­sy ist, kein Inter­es­se an ihren Out­fits hat und nicht ihr emo­tio­na­les Haus­tier wer­den will zählt in die­sem Kon­strukt schlicht nicht als das rich­ti­ge Exem­plar. Coo­per Wil­liams hat das 2013 für den Stan­ford Dai­ly beschrie­ben: Schwu­le Män­ner wer­den redu­ziert auf eine Wun­der­tü­te vol­ler sas­sy One-Liner und gehäs­si­ger Wort­spie­le. Der Gay Best Fri­end ist der ent­kör­per­te, ent­zahn­te, unge­fähr­li­che schwu­le Mann. Er ist per­so­nal Shop­per, emo­tio­na­le Stüt­ze und Reso­nanz­bo­den in eine Rich­tung, des­sen Iden­ti­tät nicht durch ihn defi­niert wird, son­dern durch sei­nen Nut­zen für sie. Er spie­gelt, ohne selbst gespie­gelt zu wer­den. Was das Mus­ter so sta­bil macht: es tarnt sich als Freund­schaft, als Akzep­tanz und als Offenheit.

Aber der Gay Best Fri­end als Figur ist nicht der Ursprung des Pro­blems. Der Ursprung liegt 1974.

Dia­ne Mar­chant ver­öf­fent­lich­te im Star-Trek-Fan­zine Grup #3 eine rund 500 Wör­ter kur­ze Geschich­te, in der sich Kirk und Spock kör­per­lich näher­kom­men. Kei­ne Namen, ver­schlei­er­te Pro­no­men – aber über dem Text eine Zeich­nung von Mar­chant selbst: Kirk und Spock in einer Umar­mung. „A Frag­ment Out of Time“ gilt als ers­te ver­öf­fent­lich­te Slash-Fan­fic­tion über­haupt. Der Begriff „Slash“ kommt von die­sem Schräg­strich: In der Fan­zine-Kul­tur der 1970er Jah­re signa­li­sier­te „&“ zwi­schen zwei Cha­rak­ter­na­men Freund­schaft oder Aben­teu­er, wäh­rend der Schräg­strich – Kirk/Spock – roman­ti­sche oder sexu­el­le Bedeu­tung hat­te. Die­se Kon­ven­ti­on wan­der­te mit der Com­mu­ni­ty durch alle fol­gen­den Jahr­zehn­te: Use­net-Mai­ling­lis­ten, Live­Jour­nal, fan​fic​tion​.net, und schließ­lich AO3, wo der Schräg­strich zwi­schen zwei Namen bis heu­te genau das bedeu­tet, was er 1974 bedeu­te­te. Eine Frau hat das erfun­den, für ein über­wie­gend weib­li­ches Publi­kum, mit zwei männ­li­chen Figu­ren als Haupt­cha­rak­te­ren und das Gen­re, das dar­aus ent­stan­den ist, hat die­se Grund­ko­or­di­na­ten in fünf­zig Jah­ren nie verlassen.

Hea­ted Rival­ry, die Serie, die gera­de die Com­pu­ta-Kom­men­ta­re befeu­ert, begann als Stu­cky-Fan­fic­tion. Stu­cky steht für Ste­ve Rogers/Bucky Bar­nes, eines der meist­ge­le­se­nen Pai­rings auf Archi­ve of Our Own. Der Weg von Dia­ne Mar­chants Geschich­te in einem Star-Trek-Zine zu einem Ama­zon-Best­sel­ler über zwei Hockey-Spie­ler ist kür­zer, als er aus­sieht, weil es immer die­sel­be Struk­tur ist: schwu­le Män­ner als Stars, hete­ro Frau­en als Publikum.

Clai­re Rudy Fos­ter hat das 2018 für Elec­tric Lite­ra­tu­re aus­ein­an­der­ge­nom­men: Die Autorin­nen behan­deln ihre Figu­ren wie Pup­pen – „She sho­ves the rub­ber faces tog­e­ther and smud­ges them against one ano­ther: Now kiss.“ Auf Sub­stack-Text von Anna Marie zur Hea­ted Rival­ry-Debat­te lie­fert sie die Erklä­rung, die die Autorin­nen selbst geben wür­den: Gay male con­tent bie­te einen Raum, in dem Begeh­ren ohne die übli­chen Kos­ten mög­lich sei. Kei­ne weib­li­che Prot­ago­nis­tin, mit der man sich mes­sen oder durch die man objek­ti­viert wer­den könn­te. Die Dyna­mik, die Phi­lo­so­phie­pro­fes­so­rin Ellie Ander­son als „fema­le demand-male with­draw pat­tern“ beschreibt, also Frau­en als Bezie­hungs-Pfle­gen­de, Män­ner die sich ent­zie­hen, fällt weg, wenn kei­ne Frau in der Geschich­te vor­kommt, weil zwei Män­ner die emo­tio­na­le Schwerst­ar­beit selbst über­neh­men müs­sen. Die Sehn­sucht dahin­ter ist nach­voll­zieh­bar. Ihre Kon­se­quenz ist es nicht.

Denn was die­ses Publi­kum ver­langt, hat eine sehr spe­zi­fi­sche Form. Autor Aaron Ace­ves, selbst bise­xu­ell und Ver­fas­ser von This Is Why They Hate Us (Ich habe es ger­ne gele­sen und emp­feh­le das Buch hier­mit wei­ter), hat das in einem Out-Maga­zin-Arti­kel prä­zi­se beschrie­ben: Wenn nicht-männ­li­che Autorin­nen für ein nicht-männ­li­ches Publi­kum schrei­ben, wird ihre Arbeit gefei­ert, auch wenn sie Feh­ler machen oder etwas Pro­ble­ma­ti­sches schrei­ben. Wenn schwu­le Män­ner über ihre eige­nen Erfah­run­gen schrei­ben, wer­den sie als gefähr­lich ein­ge­stuft, weil das Publi­kum an unrea­lis­ti­sche oder des­in­fi­zier­te Dar­stel­lun­gen schwu­ler Sexua­li­tät gewöhnt ist und authen­ti­sche­re Dar­stel­lun­gen schlicht nicht erkennt. Ace­ves wur­de für sei­nen eige­nen Roman beschul­digt, CSAM geschrie­ben zu haben, weil sein Prot­ago­nist mehr woll­te als Händ­chen­hal­ten. Das ist kein Zufall und kein Ein­zel­fall, es ist die direk­te Kon­se­quenz davon, dass ein gan­zes Gen­re schwu­ler Sexua­li­tät über Jahr­zehn­te ein Bild ein­ge­schrie­ben hat, das mit der Rea­li­tät schwu­len Sexes so gut wie nichts zu tun hat. Die Sze­nen in die­sen Büchern sind sau­ber, auf Kon­su­mier­bar­keit opti­miert, auf eine bestimm­te Vor­stel­lung von schwu­ler Inti­mi­tät zuge­schnit­ten, die vor allem eines nicht sein darf: fremd. Zwei Män­ner, die sich zärt­lich anschau­en. Viel­leicht ein Kuss (Ja, es gibt auch schwu­le Ero­ti­ca von Frau­en und selbst die ist berei­nigt). Kör­per, die kei­ne eige­ne Logik haben, kei­ne eige­nen Bedürf­nis­se, kei­ne eige­ne Spra­che son­dern Pro­jek­ti­ons­flä­chen, die sich für alle Fan­ta­sien öff­nen las­sen. Was schwu­ler Sex tat­säch­lich ist, wie er sich anfühlt, was er bedeu­tet für Män­ner, die ihr Leben lang dafür ver­folgt, patho­lo­gi­siert oder unsicht­bar gemacht wur­den, das kommt in die­sen Büchern nicht vor, weil es das Publi­kum stö­ren wür­de. Und wenn ein schwu­ler Autor es trotz­dem beschreibt, wird das nicht als Authen­ti­zi­tät gele­sen, son­dern als Bedro­hung. Die Iro­nie dar­an ist fast zu schön: Das des­in­fi­zier­te Bild schwu­ler Sexua­li­tät gilt als nor­mal. Das rea­le gilt als CSAM. Leser*innen hät­ten Heart­stop­per geliebt und dann sein Buch ver­ris­sen, schreibt Ace­ves. They Both Die at the End von Adam Sil­ve­ra, einer der weni­gen gro­ßen Erfol­ge eines schwu­len Autors in die­sem Gen­re, ist die Aus­nah­me, die die Regel bestä­tigt: Ver­gli­chen mit den Ver­kaufs­zah­len und Ver­fil­mun­gen von Love, SimonHeart­stop­per oder Hea­ted Rival­ry sind schwu­le Autoren im eige­nen Gen­re struk­tu­rell unsichtbar.

Die­sel­be Logik, außer­halb des Buch­markts: Ein Thread auf r/gaybros über Hea­ted Rival­ry und sei­ne Fan­dom-Dyna­mi­ken beschreibt, was pas­siert, wenn ein schwu­ler Mann zu offen schwul wird. Schau­spie­ler Con­nor Stor­rie war begeh­rens­wert, solan­ge sei­ne Que­er­ness mehr­deu­tig genug war, um Pro­jek­tio­nen zuzu­las­sen. Als er unver­kenn­bar und kom­for­ta­bel schwul wur­de, nicht durch ein Coming-out-State­ment, ein­fach durch sein Auf­tre­ten, schlug die Begeis­te­rung in Unbe­ha­gen um, in Nör­geln, in teils offen homo­pho­be Unter­tö­ne. Gleich­zei­tig wird sein Co-Star Fran­cois Arnaud von Tei­len der Fan­ba­se als „cree­py“ und „zu alt“ bezeich­net, weil er als real exis­tie­ren­der Mann die Fan­ta­sie stört. Ein 26-Jäh­ri­ger wird in die­sem Kon­text als „Kind“ bezeich­net, das vor einem 40-Jäh­ri­gen geschützt wer­den muss. Das geschieht nicht aus ech­tem Schutz­im­puls her­aus, son­dern weil die para­so­zia­le Pro­jek­ti­on ver­tei­digt wird. Que­er­ness ist will­kom­men, solan­ge sie kon­su­mier­bar und pro­ji­zier­bar bleibt. Der Moment, in dem ein schwu­ler Mann ein­fach ein schwu­ler Mann ist endet die Tole­ranz. Im Buch­markt lei­ser, mit Ver­lags­ver­trä­gen. Im Fan­dom lau­ter, mit Hate-Kom­men­ta­ren. Die Bedin­gung ist dieselbe.

War­um das gera­de jetzt so inten­siv eska­liert, hat einen Kon­text, den Chan­te Josephs Vogue-Arti­kel über Hete­ro­fa­ta­lis­mus lie­fert. „Why does having a boy­fri­end feel Repu­bli­can?“ stand als Top-Kom­men­tar unter einem Pod­cast-Video. „Boy­fri­ends are out of style.“ Content-Creator*innen ver­lie­ren Fol­lower, wenn sie ihre Part­ner pos­ten. Ste­pha­nie Yeboah, Autorin unter ande­rem für Bri­tish-Vogue, Elle und den Guar­di­an, ver­lor nach dem Hard-Launch ihres Boy­fri­ends hun­der­te Fol­lower. Hete­ro­se­xua­li­tät ist kul­tu­rell gera­de ein Image-Pro­blem. Das nicht weil Frau­en auf­ge­hört hät­ten, Män­ner zu begeh­ren, son­dern weil die poli­ti­sche und sozia­le Bilanz der Hete­ro­se­xua­li­tät so düs­ter ist, dass man sich öffent­lich lie­ber davon distan­ziert. Das Begeh­ren selbst geht aller­dings nir­gend­wo hin. Es sucht also einen Kanal, der weni­ger pein­lich ist.

Gay male con­tent ist die­ser Kanal. Man kann Männ­lich­keit begeh­ren, Roman­tik zwi­schen Män­nern kon­su­mie­ren, „Com­pu­ta make the­se guys gay“ unter ein Bild zwei­er befreun­de­ter Men­schen schrei­ben ohne den sozia­len Preis des boy­fri­end girl zu zah­len und ohne das kul­tu­rel­le Stig­ma der Frau, die sich über ihren Mann defi­niert. Aoi­fe Han­na hat für Bust­le beschrie­ben, was „I wish I were gay and in a mlm rela­ti­onship“ wirk­lich bedeu­tet, wenn man es zu Ende denkt: kei­ne Soli­da­ri­tät mit quee­ren Men­schen, son­dern die Sehn­sucht, Män­ner begeh­ren zu kön­nen ohne die poli­ti­sche Pein­lich­keit der Hete­ro­se­xua­li­tät. Schwu­le Män­ner wer­den zum Druck­ven­til für eine Iden­ti­täts­kri­se, die nicht ihre ist und zwar unter der einen Bedin­gung, die schon Ace­ves und Stor­rie sicht­bar gemacht haben: dass sie pro­ji­zier­bar bleiben.

Von der Fan­fic­tion ist es kein gro­ßer Schritt zur Ästhe­tik. Ein Mei­nungs­text aus dem Stu­dent Life macht das kon­kret: Que­e­re Ästhe­tik ist kein Selbst­zweck, son­dern ein Erken­nungs­sys­tem. Weil Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät Hete­ro­se­xua­li­tät als Default setzt, müs­sen que­e­re Men­schen aktiv signa­li­sie­ren: durch Klei­dung, Auf­tre­ten und Sym­bo­le, die für ande­re que­e­re Men­schen les­bar sind. Wenn die­se Signa­le von cis hete­ro Men­schen als Fashion-State­ment über­nom­men wer­den, funk­tio­niert das Sys­tem nicht mehr. Man ent­wi­ckelt Inter­es­se an jeman­dem, der que­e­re Codes trägt, und stellt fest, dass er oder sie sie als Deko­ra­ti­on benutzt. Das pas­siert täg­lich und hat rea­le Kon­se­quen­zen für rea­le Men­schen. „Com­pu­ta“ ist die digi­ta­le Ent­spre­chung: que­e­re Sexua­li­tät als Look, den man kurz anlegt, unter ein Video schreibt und wie­der ablegt, ohne irgend­et­was davon zu tragen.

Ein ande­rer jun­ge Tik­To­ker (auch die­ses video fin­de ich bestimmt wie­der) sagt, Frau­en hät­ten durch Hea­ted Rival­ry und Com­pu­ta einen Fetisch ent­deckt, „that they never rea­li­zed they wanted„m näm­lich ihre eige­nen Part­ner, ihre Boy­fri­ends, ihre Män­ner mit ande­ren Män­nern zu sehen. Er meint das deskrip­tiv, fast bewun­dernd. Was er dabei über­sieht: das sind kei­ne fik­tio­na­len Cha­rak­te­re mehr, das sind rea­le Men­schen im eige­nen Leben, die per Wunsch umsor­tiert wer­den. Und mit dem Auf­stieg von KI-Bild­be­ar­bei­tung ist „Com­pu­ta“ inzwi­schen nicht mehr nur Kom­men­tar-Slang. KI-gene­rier­te Edits rea­ler Per­so­nen und Seri­en­sze­nen kur­sie­ren, die exakt die­se Logik tech­nisch aus­füh­ren. Zwei Män­ner im Bild, Prompt ins Text­feld, fer­tig. Was dabei ent­steht, teilt die Grund­struk­tur mit allem ande­ren, was wir über nicht-ein­ver­nehm­li­che sexua­li­sier­te Bild­be­ar­bei­tung wis­sen: es geht nicht um die Per­son im Bild, es geht um das Recht, sie nach eige­nen Vor­stel­lun­gen umzu­for­men. Es geht dar­um Macht über die abge­bil­de­te Per­son auszuüben.

Ich fin­de es bemer­kens­wert, wie selbst­ver­ständ­lich, mit wel­cher Leich­tig­keit „Com­pu­ta“ in die Kom­men­ta­re geschrie­ben wird. Zwei Män­ner ste­hen neben­ein­an­der? Com­pu­ta. Zwei Freun­de machen Urlaub? Com­pu­ta. Zwei Kol­le­gen lachen mit­ein­an­der? Com­pu­ta. Zwei Cha­rak­te­re tei­len sich drei Sekun­den Scre­en­ti­me? Com­pu­ta Com­pu­ta COMPUTA!

Ich habe in Tik­Tok Kom­men­ta­ren ver­sucht zu erklä­ren, war­um das doof ist. Ande­re haben es auch ver­sucht. Mir ist in den Ant­wor­ten dazu auf­ge­fal­len, mit wel­cher Hart­nä­ckig­keit all das als Ally­ship ver­kauft wird. Es wür­de näm­lich schwul-sein nor­ma­li­sie­ren. Ich sehe das anders. Wer unter jedes zwei­te Video von Män­nern „Com­pu­ta, make the­se guys gay and hor­ny“ schreibt, ist kein Ally.

Wer schwu­le Män­ner als roman­ti­sche Deko­ra­ti­on kon­su­miert, aber rea­le schwu­le Män­ner unan­ge­nehm fin­det, sobald sie zu ein­deu­tig schwul wer­den, ist kein Ally. Wer hun­der­te Male über zwei Män­ner fan­ta­sie­ren kann, aber bei einem schwu­len Autor zusam­men­zuckt, sobald des­sen Figu­ren tat­säch­lich wie schwu­le Män­ner reden, den­ken oder Sex haben, ist kein Ally.
Wer sein gan­zes Ver­ständ­nis schwu­ler Männ­lich­keit aus Heart­stop­per, Hockey-Roman­zen und AO3-Tags bezieht und anschlie­ßend ech­ten schwu­len Män­nern erklärt, wel­che Dar­stel­lung von Schwul­sein pro­ble­ma­tisch sei, ist erst recht kein Ally.

Wenn du dich jetzt ertappt fühlst: Herz­li­chen Glück­wunsch. End­lich gibt es mal einen Text über dich.

Davon ab habe ich ohne­hin den Ver­dacht, dass ein beträcht­li­cher Teil der moder­nen Ally­ship aus Men­schen besteht, die das Wort „slay“ sagen, Regen­bo­gen-Emo­jis benut­zen und sich für die Rech­te quee­rer Men­schen ein­set­zen, solan­ge die­se bit­te wei­ter­hin die Form von fik­tio­na­len Bri­ten mit per­fek­ter Haut­pfle­ge und einem Slow-Burn-Romance-Arc behal­ten. Es gibt zum Glück einen ein­fa­chen Test: Leg die Fan­fic­tion weg. Hör auf über zwei Hockey­spie­ler zu thirs­ten. Pack die Pro­jek­ti­ons­flä­che weg. Und stell statt­des­sen einen ech­ten schwu­len Mann in den Raum. Einen mit komi­schen Hob­bys, frag­wür­di­ger Musik, schlech­ten Mei­nun­gen über dei­ne Lieb­lings­se­rie und der unan­ge­neh­men Ange­wohn­heit, eine voll­stän­di­ge Per­son zu sein. Wenn das Inter­es­se dann schlag­ar­tig ver­schwin­det, war es viel­leicht nie Solidarität.

Denn viel­leicht bedeu­tet „Com­pu­ta, make him gay“ am Ende gar nicht wirk­lich „make him gay“. Viel­leicht bedeu­tet es eher: Mach ihn ver­füg­bar. Für Fan­ta­sien. Für Pro­jek­tio­nen. Für Sehn­süch­te. Für Geschich­ten, die mit ihm mehr zu tun haben als über ihn. Und falls du nach der Lek­tü­re die­ses Tex­tes noch immer das Bedürf­nis ver­spürst, unter das nächs­te Video von zwei zufäl­li­gen Män­nern „Com­pu­ta“ zu schrei­ben, habe ich eben­falls einen Vor­schlag: Mach mal Fens­ter auf Kipp und geh Gras anfas­sen. Fri­sche Luft und ein biss­chen erden soll ja manch­mal ganz gut sein.