Computa, make them gay and horny
Auf TikTok steht es oft schon in den Kommentaren, bevor man weitergescrollt hat. Zwei Männer in einem Video, mehr braucht es nicht. Sie müssen sich nicht kennen, müssen nicht konventionell attraktiv sein, müssen nichts Besonderes tun. Sie müssen nur gleichzeitig im Bild sein und männlich. Das reicht. Der Kommentar lautet: Computa. Ein Wort, das nichts erklärt und ganz viel meint. Julius Mondragon aus Chicago geht seit Januar 2026 mit einer Ray-Ban-Kamerabrille durch die Stadt und gibt seinem imaginären Computer Befehle – „Computa, make this man gay“, „Computa, make these guys super gay and horny“ und filmt die Reaktionen. Ein Straßenprank, viele Millionen Views. Und dann haben hetero Frauen diese Videos gefunden. Seitdem steht „Computa“ unter jedem Video mit zwei Männern. Egal ob es zwei Freunde, zwei Kollegen oder zwei Serienfiguren sind. Am Ende sind es reale Menschen, die einfach nur im gleichen Bild sind. Mehr Voraussetzung gibt es nicht.
Ein junger Typ auf TikTok (das ich leider nicht mehr finde) hat dazu ein Video gemacht mit dem Titel „Heated Rivalry and Computah (sic!), make these guys has altered the internet forever.“ Er hat nicht ganz unrecht, dass sich gerade etwas verschoben hat. Er hat nur keine Ahnung, dass jetzt nur an die Oberfläche schwappt, was schon lange da vorher da war.
Nach meinem Outing in der Schule entdeckte eine Klassenkameradin plötzlich ihr Interesse an mir als Person. Sie wollte shoppen gehen und über Jungs reden. Ich hörte Metal, Gothic und Punk, hatte komische Hobbies und war in Habitus und Optik so ziemlich das Gegenteil von dem, was sie sich unter ihrem Gay Best Friend vorgestellt hatte. Sie hat es trotzdem versucht (the audacity!) Ich weigerte mich, das Spielchen mitzumachen und das Interesse erlosch entsprechend schnell. Was blieb, war die Frage, die mich seitdem nicht losgelassen hat: Was ist eigentlich schwuler als als Mann mit einem Mann Sex zu haben? Die Antwort, die dieses Muster impliziert: offenbar sehr vieles. Wer das Stereotyp nicht bedient, wer kein Stanford Blatch sein will, nicht sassy ist, kein Interesse an ihren Outfits hat und nicht ihr emotionales Haustier werden will zählt in diesem Konstrukt schlicht nicht als das richtige Exemplar. Cooper Williams hat das 2013 für den Stanford Daily beschrieben: Schwule Männer werden reduziert auf eine Wundertüte voller sassy One-Liner und gehässiger Wortspiele. Der Gay Best Friend ist der entkörperte, entzahnte, ungefährliche schwule Mann. Er ist personal Shopper, emotionale Stütze und Resonanzboden in eine Richtung, dessen Identität nicht durch ihn definiert wird, sondern durch seinen Nutzen für sie. Er spiegelt, ohne selbst gespiegelt zu werden. Was das Muster so stabil macht: es tarnt sich als Freundschaft, als Akzeptanz und als Offenheit.
Aber der Gay Best Friend als Figur ist nicht der Ursprung des Problems. Der Ursprung liegt 1974.
Diane Marchant veröffentlichte im Star-Trek-Fanzine Grup #3 eine rund 500 Wörter kurze Geschichte, in der sich Kirk und Spock körperlich näherkommen. Keine Namen, verschleierte Pronomen – aber über dem Text eine Zeichnung von Marchant selbst: Kirk und Spock in einer Umarmung. „A Fragment Out of Time“ gilt als erste veröffentlichte Slash-Fanfiction überhaupt. Der Begriff „Slash“ kommt von diesem Schrägstrich: In der Fanzine-Kultur der 1970er Jahre signalisierte „&“ zwischen zwei Charakternamen Freundschaft oder Abenteuer, während der Schrägstrich – Kirk/Spock – romantische oder sexuelle Bedeutung hatte. Diese Konvention wanderte mit der Community durch alle folgenden Jahrzehnte: Usenet-Mailinglisten, LiveJournal, fanfiction.net, und schließlich AO3, wo der Schrägstrich zwischen zwei Namen bis heute genau das bedeutet, was er 1974 bedeutete. Eine Frau hat das erfunden, für ein überwiegend weibliches Publikum, mit zwei männlichen Figuren als Hauptcharakteren und das Genre, das daraus entstanden ist, hat diese Grundkoordinaten in fünfzig Jahren nie verlassen.
Heated Rivalry, die Serie, die gerade die Computa-Kommentare befeuert, begann als Stucky-Fanfiction. Stucky steht für Steve Rogers/Bucky Barnes, eines der meistgelesenen Pairings auf Archive of Our Own. Der Weg von Diane Marchants Geschichte in einem Star-Trek-Zine zu einem Amazon-Bestseller über zwei Hockey-Spieler ist kürzer, als er aussieht, weil es immer dieselbe Struktur ist: schwule Männer als Stars, hetero Frauen als Publikum.
Claire Rudy Foster hat das 2018 für Electric Literature auseinandergenommen: Die Autorinnen behandeln ihre Figuren wie Puppen – „She shoves the rubber faces together and smudges them against one another: Now kiss.“ Auf Substack-Text von Anna Marie zur Heated Rivalry-Debatte liefert sie die Erklärung, die die Autorinnen selbst geben würden: Gay male content biete einen Raum, in dem Begehren ohne die üblichen Kosten möglich sei. Keine weibliche Protagonistin, mit der man sich messen oder durch die man objektiviert werden könnte. Die Dynamik, die Philosophieprofessorin Ellie Anderson als „female demand-male withdraw pattern“ beschreibt, also Frauen als Beziehungs-Pflegende, Männer die sich entziehen, fällt weg, wenn keine Frau in der Geschichte vorkommt, weil zwei Männer die emotionale Schwerstarbeit selbst übernehmen müssen. Die Sehnsucht dahinter ist nachvollziehbar. Ihre Konsequenz ist es nicht.
Denn was dieses Publikum verlangt, hat eine sehr spezifische Form. Autor Aaron Aceves, selbst bisexuell und Verfasser von This Is Why They Hate Us (Ich habe es gerne gelesen und empfehle das Buch hiermit weiter), hat das in einem Out-Magazin-Artikel präzise beschrieben: Wenn nicht-männliche Autorinnen für ein nicht-männliches Publikum schreiben, wird ihre Arbeit gefeiert, auch wenn sie Fehler machen oder etwas Problematisches schreiben. Wenn schwule Männer über ihre eigenen Erfahrungen schreiben, werden sie als gefährlich eingestuft, weil das Publikum an unrealistische oder desinfizierte Darstellungen schwuler Sexualität gewöhnt ist und authentischere Darstellungen schlicht nicht erkennt. Aceves wurde für seinen eigenen Roman beschuldigt, CSAM geschrieben zu haben, weil sein Protagonist mehr wollte als Händchenhalten. Das ist kein Zufall und kein Einzelfall, es ist die direkte Konsequenz davon, dass ein ganzes Genre schwuler Sexualität über Jahrzehnte ein Bild eingeschrieben hat, das mit der Realität schwulen Sexes so gut wie nichts zu tun hat. Die Szenen in diesen Büchern sind sauber, auf Konsumierbarkeit optimiert, auf eine bestimmte Vorstellung von schwuler Intimität zugeschnitten, die vor allem eines nicht sein darf: fremd. Zwei Männer, die sich zärtlich anschauen. Vielleicht ein Kuss (Ja, es gibt auch schwule Erotica von Frauen und selbst die ist bereinigt). Körper, die keine eigene Logik haben, keine eigenen Bedürfnisse, keine eigene Sprache sondern Projektionsflächen, die sich für alle Fantasien öffnen lassen. Was schwuler Sex tatsächlich ist, wie er sich anfühlt, was er bedeutet für Männer, die ihr Leben lang dafür verfolgt, pathologisiert oder unsichtbar gemacht wurden, das kommt in diesen Büchern nicht vor, weil es das Publikum stören würde. Und wenn ein schwuler Autor es trotzdem beschreibt, wird das nicht als Authentizität gelesen, sondern als Bedrohung. Die Ironie daran ist fast zu schön: Das desinfizierte Bild schwuler Sexualität gilt als normal. Das reale gilt als CSAM. Leser*innen hätten Heartstopper geliebt und dann sein Buch verrissen, schreibt Aceves. They Both Die at the End von Adam Silvera, einer der wenigen großen Erfolge eines schwulen Autors in diesem Genre, ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Verglichen mit den Verkaufszahlen und Verfilmungen von Love, Simon, Heartstopper oder Heated Rivalry sind schwule Autoren im eigenen Genre strukturell unsichtbar.
Dieselbe Logik, außerhalb des Buchmarkts: Ein Thread auf r/gaybros über Heated Rivalry und seine Fandom-Dynamiken beschreibt, was passiert, wenn ein schwuler Mann zu offen schwul wird. Schauspieler Connor Storrie war begehrenswert, solange seine Queerness mehrdeutig genug war, um Projektionen zuzulassen. Als er unverkennbar und komfortabel schwul wurde, nicht durch ein Coming-out-Statement, einfach durch sein Auftreten, schlug die Begeisterung in Unbehagen um, in Nörgeln, in teils offen homophobe Untertöne. Gleichzeitig wird sein Co-Star Francois Arnaud von Teilen der Fanbase als „creepy“ und „zu alt“ bezeichnet, weil er als real existierender Mann die Fantasie stört. Ein 26-Jähriger wird in diesem Kontext als „Kind“ bezeichnet, das vor einem 40-Jährigen geschützt werden muss. Das geschieht nicht aus echtem Schutzimpuls heraus, sondern weil die parasoziale Projektion verteidigt wird. Queerness ist willkommen, solange sie konsumierbar und projizierbar bleibt. Der Moment, in dem ein schwuler Mann einfach ein schwuler Mann ist endet die Toleranz. Im Buchmarkt leiser, mit Verlagsverträgen. Im Fandom lauter, mit Hate-Kommentaren. Die Bedingung ist dieselbe.
Warum das gerade jetzt so intensiv eskaliert, hat einen Kontext, den Chante Josephs Vogue-Artikel über Heterofatalismus liefert. „Why does having a boyfriend feel Republican?“ stand als Top-Kommentar unter einem Podcast-Video. „Boyfriends are out of style.“ Content-Creator*innen verlieren Follower, wenn sie ihre Partner posten. Stephanie Yeboah, Autorin unter anderem für British-Vogue, Elle und den Guardian, verlor nach dem Hard-Launch ihres Boyfriends hunderte Follower. Heterosexualität ist kulturell gerade ein Image-Problem. Das nicht weil Frauen aufgehört hätten, Männer zu begehren, sondern weil die politische und soziale Bilanz der Heterosexualität so düster ist, dass man sich öffentlich lieber davon distanziert. Das Begehren selbst geht allerdings nirgendwo hin. Es sucht also einen Kanal, der weniger peinlich ist.
Gay male content ist dieser Kanal. Man kann Männlichkeit begehren, Romantik zwischen Männern konsumieren, „Computa make these guys gay“ unter ein Bild zweier befreundeter Menschen schreiben ohne den sozialen Preis des boyfriend girl zu zahlen und ohne das kulturelle Stigma der Frau, die sich über ihren Mann definiert. Aoife Hanna hat für Bustle beschrieben, was „I wish I were gay and in a mlm relationship“ wirklich bedeutet, wenn man es zu Ende denkt: keine Solidarität mit queeren Menschen, sondern die Sehnsucht, Männer begehren zu können ohne die politische Peinlichkeit der Heterosexualität. Schwule Männer werden zum Druckventil für eine Identitätskrise, die nicht ihre ist und zwar unter der einen Bedingung, die schon Aceves und Storrie sichtbar gemacht haben: dass sie projizierbar bleiben.
Von der Fanfiction ist es kein großer Schritt zur Ästhetik. Ein Meinungstext aus dem Student Life macht das konkret: Queere Ästhetik ist kein Selbstzweck, sondern ein Erkennungssystem. Weil Heteronormativität Heterosexualität als Default setzt, müssen queere Menschen aktiv signalisieren: durch Kleidung, Auftreten und Symbole, die für andere queere Menschen lesbar sind. Wenn diese Signale von cis hetero Menschen als Fashion-Statement übernommen werden, funktioniert das System nicht mehr. Man entwickelt Interesse an jemandem, der queere Codes trägt, und stellt fest, dass er oder sie sie als Dekoration benutzt. Das passiert täglich und hat reale Konsequenzen für reale Menschen. „Computa“ ist die digitale Entsprechung: queere Sexualität als Look, den man kurz anlegt, unter ein Video schreibt und wieder ablegt, ohne irgendetwas davon zu tragen.
Ein anderer junge TikToker (auch dieses video finde ich bestimmt wieder) sagt, Frauen hätten durch Heated Rivalry und Computa einen Fetisch entdeckt, „that they never realized they wanted„m nämlich ihre eigenen Partner, ihre Boyfriends, ihre Männer mit anderen Männern zu sehen. Er meint das deskriptiv, fast bewundernd. Was er dabei übersieht: das sind keine fiktionalen Charaktere mehr, das sind reale Menschen im eigenen Leben, die per Wunsch umsortiert werden. Und mit dem Aufstieg von KI-Bildbearbeitung ist „Computa“ inzwischen nicht mehr nur Kommentar-Slang. KI-generierte Edits realer Personen und Serienszenen kursieren, die exakt diese Logik technisch ausführen. Zwei Männer im Bild, Prompt ins Textfeld, fertig. Was dabei entsteht, teilt die Grundstruktur mit allem anderen, was wir über nicht-einvernehmliche sexualisierte Bildbearbeitung wissen: es geht nicht um die Person im Bild, es geht um das Recht, sie nach eigenen Vorstellungen umzuformen. Es geht darum Macht über die abgebildete Person auszuüben.
Ich finde es bemerkenswert, wie selbstverständlich, mit welcher Leichtigkeit „Computa“ in die Kommentare geschrieben wird. Zwei Männer stehen nebeneinander? Computa. Zwei Freunde machen Urlaub? Computa. Zwei Kollegen lachen miteinander? Computa. Zwei Charaktere teilen sich drei Sekunden Screentime? Computa Computa COMPUTA!
Ich habe in TikTok Kommentaren versucht zu erklären, warum das doof ist. Andere haben es auch versucht. Mir ist in den Antworten dazu aufgefallen, mit welcher Hartnäckigkeit all das als Allyship verkauft wird. Es würde nämlich schwul-sein normalisieren. Ich sehe das anders. Wer unter jedes zweite Video von Männern „Computa, make these guys gay and horny“ schreibt, ist kein Ally.
Wer schwule Männer als romantische Dekoration konsumiert, aber reale schwule Männer unangenehm findet, sobald sie zu eindeutig schwul werden, ist kein Ally. Wer hunderte Male über zwei Männer fantasieren kann, aber bei einem schwulen Autor zusammenzuckt, sobald dessen Figuren tatsächlich wie schwule Männer reden, denken oder Sex haben, ist kein Ally.
Wer sein ganzes Verständnis schwuler Männlichkeit aus Heartstopper, Hockey-Romanzen und AO3-Tags bezieht und anschließend echten schwulen Männern erklärt, welche Darstellung von Schwulsein problematisch sei, ist erst recht kein Ally.
Wenn du dich jetzt ertappt fühlst: Herzlichen Glückwunsch. Endlich gibt es mal einen Text über dich.
Davon ab habe ich ohnehin den Verdacht, dass ein beträchtlicher Teil der modernen Allyship aus Menschen besteht, die das Wort „slay“ sagen, Regenbogen-Emojis benutzen und sich für die Rechte queerer Menschen einsetzen, solange diese bitte weiterhin die Form von fiktionalen Briten mit perfekter Hautpflege und einem Slow-Burn-Romance-Arc behalten. Es gibt zum Glück einen einfachen Test: Leg die Fanfiction weg. Hör auf über zwei Hockeyspieler zu thirsten. Pack die Projektionsfläche weg. Und stell stattdessen einen echten schwulen Mann in den Raum. Einen mit komischen Hobbys, fragwürdiger Musik, schlechten Meinungen über deine Lieblingsserie und der unangenehmen Angewohnheit, eine vollständige Person zu sein. Wenn das Interesse dann schlagartig verschwindet, war es vielleicht nie Solidarität.
Denn vielleicht bedeutet „Computa, make him gay“ am Ende gar nicht wirklich „make him gay“. Vielleicht bedeutet es eher: Mach ihn verfügbar. Für Fantasien. Für Projektionen. Für Sehnsüchte. Für Geschichten, die mit ihm mehr zu tun haben als über ihn. Und falls du nach der Lektüre dieses Textes noch immer das Bedürfnis verspürst, unter das nächste Video von zwei zufälligen Männern „Computa“ zu schreiben, habe ich ebenfalls einen Vorschlag: Mach mal Fenster auf Kipp und geh Gras anfassen. Frische Luft und ein bisschen erden soll ja manchmal ganz gut sein.
„Was schwuler Sex tatsächlich ist, wie er sich anfühlt, was er bedeutet für Männer, die ihr Leben lang dafür verfolgt, pathologisiert oder unsichtbar gemacht wurden, das kommt in diesen Büchern nicht vor, weil es das Publikum stören würde. Und wenn ein schwuler Autor es trotzdem beschreibt, wird das nicht als Authentizität gelesen, sondern als Bedrohung.“ https://jascha.wtf/computah-make-them-gay-and-horny/
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Nur ein Detail am Rande – ich habe mir den Follower-Verlust bei Boyfriend-Präsenz immer so erklärt, dass (primär männliche hetero) Fans dadurch einen Bruch in ihrer parasozialen Beziehung erfahren.
Weil nun Konkurrenz da ist, die Person hinter dem Account nicht mehr „frei zur Verfügung steht“.
Ich hab ja nirgendwo geschrieben dass sie von Frauen entfolgt werden. Natürlich ist passiert genau das. Der follower Verlust ist halt ein Grund warum Frauen dann ihre Bedürfnisse lieber auf Schwuppen projizieren.
@jascha der Text liest sich auch als hetero sehr gut. Ich als nicht betroffener, habe da auch vibes in die Richtung vernommen, konnte das über natürlich nicht klar definieren.
Wenig beachteter Nebenschauplatz: als langjähriger Eishockey-Fan und Dauerkartenschnorrer bin ich auch sehr unzufrieden mit der dortigen Repräsentation des Hockeysports 😛
@tomate@jascha.wtf
Erst einmal: Ich finde deinen Text komplex und daher schon mal ziemlich großartig.
Zusätzlich: Endlich findet mal jemand schwule Fanfiction genauso schwierig wie ich.
Ich hatte da bisher allerdings einen ganz anderen und trotzdem passenden (denke ich zumindest gerade spontan) Blickwinkel dazu.
Ich hatte auch immer wieder den Eindruck, dass Frauen (ich schätze, in diesem Text muss ich echt nix an mehr als zwei Geschlechter anpassen, ich kenne solche Dinge nur von Cis-Heten) diese Art der Geschichte wählen, um „den Preis“ nicht zahlen zu müssen. Aber dann fällt natürlich trotzdem massiv auf, wie auffällig hautnah, antibakteriell und umweltfreundlich die Art der Sexualität dort immer wieder dargestellt wird.
Und bei deinem Satzteil „sobald dessen Figuren tatsächlich wie schwule Männer reden, denken oder Sex haben“ dachte ich, dass „der Preis“ ja gar nicht immer die toxische Beziehung, der lahme Sex etc ist.
Vielleicht ist der Wunsch vieler Frauen, sich hinter aseptischen, schwulen Romanzen zu verstecken ja auch dadurch mit zu begründen, dass Sex allgemein eher schwitzig, grunzig und optisch mangelhaft ist. Außerdem ist Begehren bis heute etwas, das „gute Mädchen“ nicht haben dürfen.
Vielleicht ist die innere Sperre tatsächlich so groß, dass es selbst in der Fiction vielen unmöglich ist, eine Stellvertreterperson enthemmt agieren zu lassen.
Denn erstaunlicherweise scheint es wenig Literatur mit realistischem Sex zu geben. Stattdessen ist das Gegenteil zu dem, was du gerade bemängelst, dann irgendwelcher bad-boy-BDSM-Mist, bei dem jeder zweite Satz dazu taugt, dass man sich fragt, ob da ein Lexikon der sexuellen Begriffe durchgeschreddert wurde (Meine Theore dazu ist: Sex ist nur als Unterwerfung von außen möglich, weil man sonst kein „gutes Mädchen“ mehr ist. „Gute Mädchen“ haben kein Begehren einfach so, das muss schon irgendwie von Außen aktiviert werden.). Im Kontext dessen, was du schreibt, kommt mir das dann wie eine Überspringshandlung vor.
Das „Computa“-Phänomen kannte ich bis eben gar nicht, aber ich hatte sofort ein Bild vorm inneren Auge von den Menschen, die das darunter kommentieren. Da ist die Frau, die auf Männer steht, der Sex aber allgemein eher suspekt und vielleicht sogar zu körperlich ist. Aber „echte“ Männer, also Heten entsprechen genau diesem Schema, das sie in sich trägt. Also „entwaffnet“ sie ihn auf zweierlei Weise: zum einen soll er schwul sein und zum anderen nicht übermäßig sexuell. Nicht falsch verstehen. Er soll sie schon begehren (und NUR sie, weil sie die einzige Frau ist, die in ihm Gefühle auslöst, wie es bisher nur Männer konnten) aber nicht auf diese drängende, triebhafte Art, sondern quasi „schwerelos“.
Wenn dann ein echter Schwuler über echten schwulen Sex schreibt, zerstört er damit ein Ideal, das so tief sitzt, dass er Hass erntet.
Ist nachvollziehbar was ich hier versuche, in Worte zu fassen?
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Ich verstehe was Du meinst, die Quellenlage gibt das für mich nicht her. Ich halte es aber nicht für völlig unmöglich. So oder so ist das Ergebnis aber das Selbe: Fetischisierung schwuler Männer.